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„Am Anfang war er doch so liebevoll“ – so beginnen viele Geschichten, die im Frauenhaus enden. Gewalt in der Partnerschaft kommt oft unbemerkt und kann einen jahrelangen Leidensweg bedeuten. Aktuelle Zahlen zeigen: Die Fälle sind leicht gestiegen, Tausende sind betroffen. Gleichzeitig sind Frauenhäuser völlig überlastet. So kannst du dich informieren und helfen.

Mehr als einmal pro Stunde wird statistisch gesehen eine Frau durch ihren Partner gefährlich verletzt, das zeigen die aktuellen Zahlen aus der Kriminalstatistischen Auswertung zu Partnerschaftsgewalt 2018 des Bundeskriminalamtes.

  • Insgesamt seien über 140.000 Menschen im vergangenen Jahr in Deutschland Opfer von Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner geworden.
  • Die Zahl der registrierten Fälle ist im Vergleich zum Vorjahresbericht leicht gestiegen.
  • In 122 Fällen sind Frauen an häuslicher Gewalt gestorben.
  • Und auch wenn Männer genauso von häuslicher Gewalt betroffen sein können wie Frauen: Die große Mehrheit der Gewalt-Opfer ist weiblich, rund 81 Prozent laut Statistik.

Die Zahlen seien „sehr alarmierend“, fasst Bundesfamilienministerin Franziska Giffey zusammen. Sie hat angekündigt, die Hilfsangebote weiter ausbauen zu wollen. Dazu gehört unter anderem, Frauenhäuser und Hilfstelefone stärker zu unterstützen: Derzeit gebe es in Frauenhäusern knapp 7.000 Plätze, 20.000 seien nötig.

Für die SWR3-Morningshow haben wir mit Monika Diehl gesprochen. Sie arbeitet in einem Frauenhaus – und leidet sehr darunter, dass sie Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, abweisen muss.

Überfüllte Frauenhäuser: Interview aus der SWR3-Morningshow

„Das ist wirklich ein großes Problem. Ich hatte diese Woche einen Anruf von einer Frau, die am Vorabend blutig geschlagen worden ist und die mit ihrem Kind dringend einen Platz gesucht hat. Da hab ich dann auch geschaut. Also, bei uns war nichts frei. In Rheinland-Pfalz war auch keine freie Meldung. Wenn ich höre, die Frau wurde blutig geschlagen und ist weiterhin massiv gefährdet, also da ist dann schon die Notwendigkeit, dass sie eine Schutzeinrichtung braucht“, berichtet Monika Diehl aus ihrem Alltag. „Das ist natürlich schon sehr schwierig, das belastet einen auch. Ich würde dann natürlich gerne eine Hilfestellung geben, aber das ist so ein Stück Hilflosigkeit.“

Eines der Angebote, das bereits seit fünf Jahren vom Familienministerium als bundesweites Netz unterstützt wird, ist das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen. Petra Söchting leitet dieses Beratungsangebot und hat bereits im vergangenen Jahr anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen mit uns für die SWR3-Vormittagsshow mit Kristian Thees gesprochen.

Die häusliche Gewalt beginnt oft mit Beleidigungen

Sie betonte, dass Gewalt nicht ausschließlich Schläge oder Vergewaltigungen beinhaltet – Gewalt kann auch psychischer Art sein. Daher wünsche sie sich, dass Frauen in ihrer eigenen Partnerschaft frühzeitig sensibel sind und versuchen zu merken, wenn Grenzen verletzt werden.

Sie werden kontrolliert, sie werden beschimpft, sie werden beleidigt, sie werden erniedrigt. All das sind schon Dinge, die einen Anruf beim Hilfetelefon durchaus rechtfertigen, damit diese Gewalt nicht weiter eskaliert.

Petra Söchting vom Hilfetelefon

Denn oft, so die Erfahrung der Beraterin, entwickelt sich Gewalt über einen längeren Zeitraum und beginnt früher, als Viele denken. Kontrolle sei hier ein großes Thema, das anfangs vielleicht noch nicht gefährlich wirkt. Der Partner versucht, seine Frau öfter telefonisch zu erreichen, sie zu fragen, was sie tut, wo sie steckt, wann sie wieder kommt – das ist ja erst einmal vielleicht ganz nett.

Es ist sehr häufig schwierig für die Frauen, zu unterscheiden: Ist das jetzt noch ein Interesse an dem, was ich tue? Oder ist da bereits eine Grenze überschritten und versucht mein Partner, mich einzuschränken und zu kontrollieren?

Petra Söchting

Beleidigungen, von denen die Frauen häufig berichten und die oft erst im Nachhinein als der Beginn eines Leidensweges wahrgenommen werden, sind Sätze wie:

  • Ohne mich bist du nichts.
  • Du würdest doch alleine gar nicht zurechtkommen.
  • Was hast du da wieder gemacht?
  • Du bist einfach dumm.
  • Wieso kannst du das nicht?

So erkennst du, ob jemand Opfer von Gewalt wurde

Oft ist es als Außenstehender gar nicht so einfach zu erkennen, ob jemand von häuslicher Gewalt betroffen ist. Denn viele Frauen haben Strategien entwickelt, um ihre Situation zu Hause so gut es geht zu verheimlichen. Das kann daran liegen, dass sie sich schämen, dass sie sich die Probleme nicht eingestehen wollen oder auch daran, dass sie ihre Kinder schützen wollen.

SWR3 Beziehungsshow Wenn aus Streit Gewalt wird!

Marie ist mit ihrem Kind ins Frauenhaus geflüchtet. Der Grund: In ihrer Beziehung wurde Streit sehr einseitig geführt – nämlich nur von ihm. Aus verbalen Attacken wurde körperliche Gewalt. SWR3-Reporterin Barbara Lampridou hat sie getroffen.  mehr...

Auffällig ist deshalb gerade das, was vielleicht am Wenigsten für Aufsehen sorgt: Wenn sich eine Frau immer weiter von ihrem sozialen Umfeld zurückzieht, das Telefon nicht abnimmt, Verabredungen absagt und sich möglicherweise auch in Ausreden verstrickt.

Ebenfalls kann Freunden, Verwandten oder Bekannten auffallen, dass eine Frau immer ihren Lebenspartner um Erlaubnis fragt, ob sie etwas tun oder weggehen darf. Ständige Anrufe des Partners können ein weiteres Zeichen der Kontrolle und Überwachung sein. Wenn dazu noch blaue Flecken oder andere Verletzungen kommen, sollte spätestens jemand aufmerksam werden. Die betroffenen Frauen versuchen, die Verletzungen oft mit Ausreden zu rechtfertigen – hier sollten Außenstehende laut Experten unbedingt eingreifen.

Gewalt gegen Frauen: So kannst du Betroffenen helfen

Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind, tun sich oft schwer, darüber zu sprechen. Wenn sie sich öffnen, dann tun sie das aber oft zuerst gegenüber vertrauten Menschen in ihrem Umfeld. Eine Studie des zuständigen Bundesministeriums hat ergeben, dass es für die Betroffenen besonders wichtig ist, wie diese Ansprechpartner darauf reagieren. „Eine klare Stellungnahme der Angesprochenen im Sinne einer Verurteilung der Gewalt und eine solidarische Haltung sind sehr wichtig dafür, dass die Betroffenen den Schritt unternehmen, sich Unterstützung zu suchen“, so beschreibt es die Hilfsorganisation Frauen gegen Gewalt.

Wer sich unsicher ist oder Angst hat, eine Freundin anzusprechen oder Betroffenen Hilfe anzubieten, kann sich selbst erst einmal beraten lassen. Denn oft ist man sich ja auch nicht ganz sicher: Was soll ich sagen? Reagiere ich über? Will diejenige überhaupt angesprochen werden? Bilde ich mir das nur ein oder braucht sie vielleicht gar keine Hilfe? All diese Fragen sind menschlich und können mit Beratern jederzeit telefonisch und anonym besprochen werden. Kontaktnummern haben wir weiter unten aufgeführt.

Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, haben oft das Gefühl, dass sie nicht gehört werden – dass die Täter mehr Aufmerksamkeit kriegen als die Opfer.Gepostet von SWR3 am Mittwoch, 4. Juli 2018

Dass Gewalt in der Partnerschaft oder von Ex-Partnern ausgehend ein Problem ist, ist nicht neu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet seit Jahren die Gewalt als eines der größten Gesundheitsrisiken von Frauen weltweit.

Am 25. November ist seit 16 Jahren weltweit der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

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